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Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
(Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 1)
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Ölförderung im Nigerdelta

Nigerdelta: Gasfackeln
Nigerdelta: Gasfackeln machen die Nacht zum Tag. © Kadir van Lohuizen
Das Nigerdelta ist ein wichtiges Ökosystem unserer Welt und die Heimat von 31 Millionen Menschen. Es verfügt über ein reiches Ölvorkommen und dennoch lebt ein großer Teil der Bevölkerung in Armut. Das Nigerdelta ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel für den so genannten "Fluch der Ressourcen". Statt an den Gewinnen teilhaben zu können, hat sich die Lebenssituation der Menschen vor Ort seit Beginn der Ölförderung vor 50 Jahren stetig verschlechtert. Denn immer häufiger leiden sie unter der Kontamination von Wasser und Boden und können nicht von Fischerei und Landwirtschaft leben.
Ihr Lebensumfeld hat sich sichtbar verändert: Das Land ist durchzogen von Pipelines. An vielen Stellen wird Gas abgefackelt, das bei der Gewinnung von Erdöl austritt. Diese gesundheitsbelastenden Flammen brennen in unmittelbarer Nähe zu den Feldern der Menschen und erlöschen nie. Gasabfackeln ist zwar in Nigeria gesetzlich verboten, aber Verstöße werden nicht geahndet.
Die Ölförderung geschieht im Nigerdelta nicht nach dem neuesten Stand der Technik, sodass viele Pipelines mittlerweile marode sind. Deshalb treten häufig Öllecks auf. Die Ölunternehmen versäumen es, die Lecks zeitnah zu versiegeln und ergreifen keinerlei oder nur unzureichende Maßnahmen, das ausgelaufene Öl zu beseitigen.

Protest und Sicherheitsprobleme

Im Laufe der Jahre hat es unzählige friedliche Proteste gegen das Verhalten der Ölunternehmen im Nigerdelta gegeben. Da keine Verbesserungen der Situation eintraten, verschlimmerte sich die Sicherheitslage zunehmend. Rebellierende Bewohner verüben Sabotageakte und zapfen die Pipelines an. Deswegen behaupten Ölunternehmen, dass die Mehrzahl der Öllecks durch Sabotage entstünden. Es gibt darüber aber keine unabhängigen Untersuchungen. Das nigerianische Recht ist allerdings hinsichtlich der Verantwortung für die Dekontaminierungsmaßnahmen eindeutig: Egal wodurch ein Leck entstanden ist; die Ölfirma muss das Leck versiegeln und adäquate Maßnahmen gegen die Umweltverschmutzung ergreifen.

Das menschenrechtliche Problem

Die durch die Ölindustrie verursachte Umweltzerstörung wirkt sich verheerend auf die Menschenrechte der Bevölkerung aus. Sowohl ihr Recht auf einen angemessenen Lebensstandard - einschließlich der Rechte auf Nahrung und Wasser - als auch ihr Recht ihren Lebensunterhalt durch Arbeit sicher zu stellen und ihr Recht auf Gesundheit wurden Jahrzehnte lang verletzt.
Den Menschen im Nigerdelta wurde systematisch der Zugang zu Informationen über den Einfluss der Ölgewinnung auf ihr Leben verweigert. Darüber hinaus fehlt ihnen der Zugang zu Rechtsmitteln.
Der nigerianische Staat hat darin versagt, die die Bewohner des Nigerdeltas vor dem schädlichen Verhalten der Ölfirmen zu schützen. Offensichtlich mangelt es am politischen Willen, die Ölfirmen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch die Ölfirmen kommen ihrer menschenrechtlichen Verantwortung nicht nach, weil sie veraltete Technik verwenden und Öllecks nicht sofort beseitigen und die geschädigten Personen entschädigen.

Die unternehmerische Tätigkeit von Shell im Nigerdelta

Die Shell Petroleum Development Company (SPDC), die nigerianische Tochterfirma der Royal Dutch Shell, ist die wichtigste im Nigerdelta tätige Ölgesellschaft. Seit Jahren weist Amnesty International in Berichten nach, dass Shell im Nigerdelta nicht die erforderliche Sorgfalt walten lässt und es zu häufig zu Öllecks kommt, die Shell nicht schnell beseitigt.
Im August 2011 hat das UN-Umweltprogramm (UNEP) in einem umfassenden Bericht festgestellt, dass Shell es über Jahre hinweg versäumt hat, die Umweltverschmutzungen im Ogoniland (der Teil des Nigerdeltas, in dem die Volksgruppe der Ogoni lebt) zu beseitigen. UNEP hat in diesem Bericht vorgeschlagen, dass ein unabhängiger Fonds zur Dekontaminierung des Ogonilands eingerichtet werden sollte, der von der Ölindustrie und dem nigerianischen Staat finanziert werden sollte.

Öl-Katastrophe in Bodo

2008 strömten wochenlang Tausende Tonnen Öl aus zwei Lecks einer maroden Pipeline - ähnlich viel wie bei der Havarie der Exxon Valdez 1998. Das Versagen von Shell, die Lecks schnell zu schließen und den riesigen Ölteppich zu beseitigen, hat das Leben Zehntausender Menschen in der Stadt Bodo zerstört: Die Fischerei-Industrie liegt brach, Nahrung ist knapp, die Preise sind in die Höhe geschossen. Die Bewohner haben ernsthafte gesundheitliche Probleme, Arbeitsstellen sind rar - eine Situation, die symptomatisch für das gesamte Nigerdelta ist.
Shell hat anerkannt, dass die Lecks in Bodo nicht durch Sabotage entstanden sind. Trotzdem versucht der Konzern immer wieder, seine Untätigkeit mit angeblichen Sabotageakten zu rechtfertigen und nennt die Öllecks Tragödien.
Die wahre Tragödie ist jedoch das Versagen des Konzerns und des Staates im Umgang mit den Öllecks. Bis heute ist das Gebiet nicht ausreichend dekontaminiert worden. Auch sind die Bewohner bis heute nicht entschädigt worden. Die nigerianischen Behörden sind nie strafrechtlich gegen Shell vorgegangen. Die betroffenen Gemeinden haben sie mit den Folgen der Ölverseuchung in Stich gelassen.
Werden Sie aktiv!
Äußern Sie Ihren Unmut in Briefen an die Verantwortlichen in der nigerianischen Regierung und von Royal Dutch Shell.
Weitere Informationen zum Thema finden Sie in unserem Flyer "Die verschwiegene Ölpest - Clean up the Niger Delta" (PDF), in der Broschüre "Erdöl, Armut und Umweltverschmutzung im Nigerdelta. Eine intakte Umwelt ist ein Menschenrecht" (PDF)! oder in dem Kurzfilm "Niger-Delta: Shell muss endlich Verantwortung übernehmen"!
Auch auf den Seiten der deutschen Sektion von Amnesty International finden sich weitere Informationen wie eine Fotostrecken und ein Video unserer Schweizer KollegInnen!
Postkarte Nigerdelta
Postkarte Nigerdelta. Grossansicht (450 KiB).

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